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Bolivien - Von Cusco bis La Paz
Text: Joyce Frey
Reisezeit: Februar 2000

 

     
Früh am Morgen standen wir- ein Schweizer und ein deutsches Pärchen und ich- auf dem Bahnhof in Cusco, wo viel Betrieb herrschte. Die Koffer wurden in den Gepäckwagen geladen. Vom Arroganten Reiseleiter, der uns zu den reservierten Plätzen gebracht hatte, mussten wir Abschied nehmen. Dann liessen wir uns in den weichen Polstern nieder. Vor uns war ein Tisch und darunter viel Platz um die Beine zu strecken. Der Zug liess mich an den Orientexpress denken. Als er abfuhr, wurden wir heftig durcheinander geschüttelt.  Ich hatte das Gefühl, auf einem
Pferd zu sitzen. Immer wieder kam mir die Titelmusik der Westernserie „Bonanza“ in den Sinn. Der Zug fuhr über den Abra la Rayapass, der auf 4313 Meter lag. Dort wuchsen Kartoffeln und anderen Gemüse. Auch Schafe, Alpakas und Lamas schienen sich hier wohl zu fühlen, ebenso die Menschen, die in kleinen Dörfern lebten. In der Ferne waren Berge von über 6ooo Meter Höhe zu erkennen. Nicht weit von der Bahnstrasse entfernt sprudelten Heisswasserquellen. Bei einer davon, die nicht kochte, wuschen Frauen ihre Wäsche.
Am Nachmittag wurde das Essen serviert. Wir hatten aus verschiedenen Menüs wählen können. Es war schwierig, beim Schaukeln des Zuges mit der Gabel den Mund zu finden. Nachher bekamen wir Kaffee. Grosse Becher wurden uns überreicht. Mit grösster Vorsicht nahm ich meine entgegen um ja nichts zu

Bahnhof Cusco

 verschütten. Doch als ich der Becher
in den Hand hielt, sah ich, dass die Vorsicht unnötig gewesen war: Nur ein paar Tropfen Kaffee wogten auf dem Boden des Bechers. Nach zehn Stunden durcheinander Schüttelfahrt, kam der Zug abends um 6 Uhr in Juliaca
an, wo ein erster Blick dem Titicacasee galt. Der neue Reiseleiter wunderte sich darüber, dass wir schon da waren, denn es war üblich, dass der Zug unterwegs eine Panne hatte und Verspätungen von Stunden bis Tagen hatte. Ich war ziemlich kaputt von der Fahrt und glaubte, den anderen ginge es ebenso, da keiner Lust dazu verspürte, sich die Umgebung anzusehen. Beim Essen und in der Nacht hatte ich immer noch das Gefühl durcheinander geschüttelt zu werden. Ich war froh, wieder früh aufstehen zu müssen. Beim Frühstück fühlte ich mich besser. Nur hatte ich ein wenig Mühe beim Atmen, denn schliesslich befanden wir uns auf einer Höhe von 3800 Metern. Doch allmählich gewöhnte ich mich daran. Ob es der Kokatee war, der überall serviert wurde, weiss ich nicht. Ich sass nicht mehr auf einem Pferd, sondern in einem Kleinbus und konnte normal atmen. Nach 3 Stunden erreichten wir die Grenze in Pomata nach Bolivien. Es dauerte

eine Weile, bis wir das Land verlassen durften. Beim nächsten

Unterwegs zum Titicacasee

Hüttchen warteten wir wieder lange, bis der Pass einen weiteren . Stempel bekam. In Bolivien waren die Wege
viel schlechter als in Peru. Unterwegs fuhren wir an einem Viehmarkt vorbei, doch es war noch zu früh.Nur wenige Tiere waren zu sehen. In einer kleinen Ortschaft besichtigten wir eine Kirche. Als die Fahrt auf der schlechten Hauptstrasse weiterging, kamen uns einige Krankenwagen mit heulenden Sirenen entgegen. Ein Stück weiter konnten wir zwei Kleinbusse sehen, die von der Strasse gekommen waren und auf der Seite lagen. Eine Menge Menschen standen herum und die Blutflecken auf dem Boden waren noch deutlich zu sehen. Ich fragte mich, woher die Leute in dieser einsamen Gegend gekommen waren. In den endlosen Feldern wo Kartoffeln und Gemüse wuchsen, standen verstreut einsame kleine Häuschen. Schliesslich erreichten wir Copacobana, einen Wallfahrtsort. Dort ging es zu und her wie bei einer Kirmes.

Der Pas

Menschen strömten in die Kirche um
Gott um einen Gefallen zu bitten. Sie wollten Häuser, Geld, Autos, und alles, was man sich nur wünschen kann.

Diejenigen, deren Wünsche erfüllt worden waren, kamen zurück um Gott zu danken. Jene, die zu einen Auto gekommen waren, fuhren mit dem Auto vor, das mit Blumen geschmückt war. Die Männer, die eine Frau bekommen hatten, gingen neben den Frauen, die ihre schönsten Kleider trugen. So herrschte hier reger Betrieb. An Verkaufsständen waren Bilder zu kaufen vom Artikel, die man gerne hätte. Die legte man vor den Altar und Gott tat das Seine. Aber von so vielem Beten musste man Hunger bekommen. Um dem Übel abzuhelfen, gab es wieder anderen Stände wo Berge mit  Pop-Corn lagen, welches wohl das bevorzugte Essen der Wallfahrer war. Oder es war eine Busse, die sie tun mussten.
In Copacobana wurde unser Gepäck auf ein Boot gebracht, womit  wir später zur Sonneninsel fuhren. Es war erstaunlich was hier auf 4000

Meter Höhe noch alles wuchs. Es war sogar warm genug auch nur mit

Copacabana

einem T-Shirt bekleidet zu sein, und keine Hühnerhaut zu bekommen. Wir sahen uns einige Ruinen an und gingen
dann essen auf eine Terrasse, die eine herrliche Sicht auf den Hafen mit den farbigen Booten bot. Mein erster Eindruck war: Es sah beinah tropisch aus. Der blaue Himmel und das blaue Wasser flossen zusammen. Dazu ein Sandstrand mit grünen Bäumen und einzelne schneeweisse Wolken, die auf dem See zu schlafen schienen. Wir waren so nahe, dass ich meinen konnte, sie fassen zu können. Später musste ich ein Glas mit heiligem Wasser austrinken und einen Eid ablegen. Ich schwöre nicht zu lügen, nicht zu stehlen und nicht faul zu sein. Dann bekam ich eine Urkunde überreicht, die es mir erlaubte, mich als Inka zu betrachten.
Als nächstes fuhren wir zur Mondinsel, wo wieder Ruinen zu besichtigen

Hängenden Wolken über der See

waren. Natürlich gab es wieder Hügel zu besteigen, doch die Atmosphäre

war beeindruckend. Ich befand mich auf einer Höhe von über viertausend Metern mit üppiger Vegetation, und die blendend weissen Wolken waren so nahe über meinem Haupt, dass ich meinen konnte, sie wollten mir eine Krone aufsetzen. Später fuhren wir weiter über den See bis wieder Land in Sicht kam. Ein alter Mann mit einem roten Poncho ruderte uns in einen aus Binsen geflochtenen Boot entgegen und winkte uns freundlich zu. Das Schiff legte in Huatajata direkt vor dem Hotel Inka Utama an, wo wir aussteigen mussten. Alpakas grasten neben dem Hotel. Kaum hatte ich mich in meinem Zimmer umgesehen, als an der Tür geklopft wurde. Ein Kellner brachte mir eine Kanne Kokatee und eine Tasse, die er in der Ecke des Schlafzimmers auf den Tisch stellte. Das Geschirr hatte die gleiche rosa Farbe wie die Vorhänge und das Bettzeug. Neben dem Schlafzimmer lag noch ein Wohnzimmer mit Fernseher und diesen gegenüber ein riesengrosses Badezimmer. Später sollten wir in ein hoteleigenes Museum gehen.
Dort wurde das Leben auf dem Altiplano gezeigt und die angewandte Naturmedizin. Schliesslich gingen wir an einem Medizinmann vorbei der Stäbchen warf, und der uns garantierte eine gute Heimfahrt zu haben. Als wir wieder nach aussen gingen, war die Sonne untergegangen und die Temperatur war stark gesunken.
Ich musste einen warmen Pullover anziehen bevor ich zum Speisesaal ging. Dort brennte ein Feuer im Kamin.

Uns wurde ein herrliches Essen serviert und ein Getränk, das in einem kleinen

Die Monsinsel-Isla la Luna

steinernen Becher aufgetischt wurde. Einige Männer machten Musik. Vor allem die Panflöte, die nicht aus der Musik

dieses Landes wegzudenken ist, beeindruckte mich. Ich kaufte mir sogar eine Kassette, sodass ich zu Hause, wenn ich Fernweh bekam, diese Musik hören konnte. Ich glaubte ein Eiszapfen zu sein als ich mein Zimmer betrat, wo es herrlich warm war. Noch zitternd kroch ich unter die Bettdecke. Es war warm im Bett. Ich suchte nach einer Bettflasche, aber die fand ich nicht. Bald stellte ich fest, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben unter einer elektrischen Heizdecke schlief. Und ich schlief wie ein Murmeltier.
Am frühen Morgen fuhren wir zu den Ruinen von Tiwanaku.
Danach ging die Fahrt weiter über einen Pass, der auf 4500 Meter lag, wo wir eine kurze Rast machten. Ich atmete tief durch und merkte nicht mehr, dass die Luft hier dünn ist.
Am Nachmittag machten wir einen weiteren Halt um auf die Stadt La Pas zu blicken. Es ist eine riesige Stadt, die in den Bergen eingeklemmt liegt und wo über eine Million Menschen leben.
Am Nachmittag erreichten wir das Hotel, das mitten in der Stadt liegt.

Inka Utamahotel auf Isla de la Luna

Nur ein kurzer Aufenthalt war uns erlaubt, dann folgte eine

Stadtbesichtigung. Prächtige Gebäude im Kolonialstill waren zu bewundern, auch die Kirche San Fransisco. Dahinter lag der Hexenmarkt. Auf der Strasse wurde alles verkauft, nur keine Hexen. Nach dem Spaziergang im Zentrum stiegen wir in einen Kleinbus, um aus der Stadt zu kommen und die Mondlandschaft zu sehen.
Es war wunderlich, dass eine so makabre Steinlandschaft so nahe an der Stadt liegt. Am Abend im Hotel verabschiedete ich mich von meinen Mitreisenden. Denn hier war die Reise beendet. Ich musste noch einen Tag in La Paz verweilen, weil ich erst am übernächsten
tag weiter nach Mexiko reisen konnte.
Ich blickte aus dem Fenster meines Zimmers in der dreizehnten Etage. Fern in den Bergen konnte ich Lichter erkennen. Sogar an die

Berghänge waren Häuser gebaut worden.

Tiwanaku

Die Stadt war zu klein geworden für die vielen Einwohner, die hier auf eine bessere Zukunft hofften. Am nächsten Tag begab ich mich auf eigene Faust in die Stadt. Als ich am Abend das Schweizerpärchen traf, erzählte ich ihnen eine Pizzeria entdeckt zu haben. Gemeinsam gingen wir dort essen, weil auch sie das Bedürfnis nach einem einfachen europäischen Essen hatten. Danach sahen wir uns nie wieder.
Am frühen Morgen stand ich auf dem Flughafen, um via Santa Cruz und Miami nach Cancun zu fliegen, um dort das Leben der Mayas zu erforschen.  

La Paz

 

 

  Joyce

 
 

Joyce Frey - Julien ,  Autorin des Romans  " Das verwundete Mädchen" 
ISBN 3-89950-036-9. Ausgabe von Fischer und Fischer - Frankfurt 

 
026. 2005